Meine Reise auf dem Jakobsweg
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Der Weg windet sich einen kleinen Abhang Richtung Wäldchen hoch – obwohl noch früh am morgen bin ich froh, dass mir die Sträucher und Heckenpflanzen zu meiner Rechten Seite etwas Kühlung mitgeben.
Die Hecke verschwindet – ein Steinbruch! Rasch gehe ich weiter, möchte mich wieder in der Illusion von der heilen „Weg-Welt“ hingeben. Nun gehts immer mehr hügelan – auf halber Höhe drehe ich mich um: Schon weit hinter mir Fribourg, und einige Häuser von Villars s/Glâne, ich frage mich, wie ist es möglich, dass hingegen Heitenried nie verschwinden wollte? Der Bahndamm, wo ein Doppelstöckiger IC auf dem Weg nach Lausanne ist.
Der Feldweg quert ein Strässchen, und führt weiter oben dem Waldrand entlang.

Die hohen Bäume versprechen Schatten und etwas Kühlung, und dankbar nehm ich die Atempause an.
Mittlerweile führt der Weg etwa in den Wald, ich komme heraus, oben auf einem Hügel – die braunen Schilder mit der Muschel! Grad neben dem Wegweiser eine Pappel. „Schwester – dank für Deinen Schatten“ – ich setze mich, und lasse mir meinen Gruyère und mein Brot gut schmecken. Noch einen Schluck mehr Wasser – den Becher nun an den Gürtel, Stab in die Hand. Vor dem Wegweiser zögere ich. Zwei Wegweiser – einer weist zur Abbaye Hautrive, einer direkt nach Romont. Nach einigem hin und her entschliesse ich mich, anhand der Info aus meinem Wanderführer, dass der Umweg sich lohnt, und nur 2h länger dauert, über die Abbaye Hauterive zu wandern.

Gegen Mittag komme ich an der Landwirtschaftlichen Forschungsanstalt vorbei, und musste auf dem Weg durch das Dörflein etwas sehr erfreuliches feststellen: Berner Bauern lassen ihre Hunde frei laufen, und harmlose Pilgerinnen verbellen, bis sie sich endlich herausbequemen, den Bless am Halsband nehmen und mich weiterziehen lassen. Die Fribourger Hunde sind entweder angebunden, so dass sie bis zur Strasse kommen, mich aber nicht mehr die andere Seite das Bord hoch jagen können, oder sind so müd und faul (was bei der Hitze ja auch kein Wunder ist), dass sie mir lediglich ein Auge und ein Ohr widmen, und dann beides sogleich wieder schliessen, bzw hängen lassen.

Endlich – der Taleinschnitt zur Abbaye Hauterive.
Die Abteil liegt idyllisch auf dem Talgrund, ich betrete das Gelände durch eine kleine Einlasspforte, und mache mich auf den Weg zum Hauthaus.
Einlass wird bis um 12h Gewährt, es ist kurz vor zwölf.
Ein freundlicher Mönch nimmt mein Buch entgegen, und stempelt es, und reicht es mir mit einem Reisesegen wieder.
Ich besuche die Kirche, zünde eine grosse Oelkerze an.
Beim Verlassen denke ich: Zu Schade, dass ich weitermuss, gerne hätte ich hier Rast gemacht.
Eine Kurze Rast gönne ich mir dennoch: Ich setze mich auf eine Bank unter einen Baum, und geniesse noch für kurze Zeit die Stille und den Frieden, den mir dieser Ort bietet.

Der Aufstieg aus dem Tal ist strenger als gedacht, ich bin froh über meinen stabilen Haselstab.
Wieder unterwegs ist mir noch etwas Schatten vergönnt, und als ich den Wald umrundet habe – breitet sich vor mir das Fribourgerland aus.
Hügel über Hügel gleissen in der Sonne – und weit weit weg, aber doch schon näher als von vor St.Apolline aus gesehen, einer Fata Morgana gleich: Romont!

Ab nun heisst es Sonne pur, ich bin dankbar für meinen grossen Strohhut. Trotzdem, in Posieux, welche angeblich eine berühmte, aber leider geschlossene Kirche hat, wasch ich mir an einem Brunnen die Hände, und creme mir Hals, Nacken, Gesicht und Arme mit Sonnencrème ein. Leider hat der Primo über Mittag zu, Frische Kirschen hätten mich „schampar gluschtet“. Also marschier ich ohne Kirschen weiter. Beim nächsten Brunnen fülle ich meine Flasche wieder auf, und tauche meine Aermel bis über die Ellbogen ins Wasser.

Nun geht es durch Dörfer und Weiler – mein nächstes Ziel: Die Kapelle von Posat. Wieder werde ich von Muscheltragenden Velofahrern mit einem fröhlichen Ultreia - überholt, ich winke hinterher!
Mir ist fröhlich zumut – Laufen, an nichts anderes denken müssen, als bis zur nächsten Kapelle, der nächsten Kirche, immer den Weg und die Wegweiser vor Augen.

Beim Croix d’Or, einer Herberge, welche auf ehemaligen Klostermauern erbaut ist, biege ich ab – und da steht auch schon die Kapelle zu Posat! Ich betrete die Kapelle – kühl ist es, und sehr still. Für Pilger hat es ein Buch, und ein Stempelkissen und den Stempel. Ich lege für einen Augenblick Tasche, Flasche und Stab nieder – den Hut hab ich mir wie bei jedem Betreten einer Kirche abgenommen – und blättere durch das Buch.
In vielen Sprachen und von vielen Händen geschrieben – Wünsche für eine gute Reise, Trauriges, Hoffnung, Freude – alles auf einmal spricht aus dem Buch. Auch ich lasse einige Zeilen darin stehen, stemple mein eigenes kleines Büchlein ab, und hänge mir meine Tasche wieder um.
Draussen an der Quelle, deren Heilwasser wegen die Kapelle selbst ein Wallfahrtsort wurde, fülle ich meine Flasche, und denke an das, was wohl die Quelle erzählen könnte...

Nun geht ein steiler Weg ins Tobel der Glâne hinab – ich beneide die Velofahrer gar nicht. Schmal und da im Schatten relativ schlüpfrig, vorsichtig taste ich mich hinunter. Quer zum Weg, eine Hand am Geländer, den Stab fest in den Boden gestützt. Unten führt eine Holzbrücke, von den Lehrlingen der UBS (das stand da so) gestiftet. Ueber die Brücke, über die Glâne... Wo war das auch? Über die Brücke! Über die Brücke! – in der Schule, die Beresina! Wie Ameisen rasen meine Gedanken – wie Ameisen tragen sie kleine Lasten – in meinem Fall Erinnerungen – lassen sie wie zufällig wieder auftauchen.
In der Mitte der Brücke bleibe ich stehen – Arme aufs Geländer gestützt. Der Blick in die Glâne beruhigt – doch noch immer jagt ein Gedanke den anderen. Telegraphenmast – der Aabach im Sommer, wie wir nach dem Schwimmen bös nach Algen gestunken haben, der Rosengarten des alten mittlerweile verstorbenen Nachbarns, der Rosengarten meines Grossvaters, das erste Velo ohne Stützräder, das Ueben auf dem Vorplatz vom „Rosenstock“! Wieder konzentriere ich mich auf die Glâne....Ein Teil eines Gedichtes schiesst durch meinen geplagten Kopf: Ever flowing, ever growing, ever changing. Ich habe keine Ahnung mehr woher, aber es beruhigt. So wie das Wasser, immer weiter und weiter zieht, so geht der Wanderer seinen Weg, so geht der Mensch durch sein Leben. Zurück geht nicht – ich muss akzeptieren, dass ich nun erwachsen bin, und kein Kind mehr dass im Bach schwimmt. Mein Grossvater ist eine Umdrehung des Rades weiter, auch er kann nicht zurück.
Ich verlasse dir Brücke, steige hügelauf. Ein steiler Stotzen – aber beim zurückschauen denke ich mir: So ist das leben – bergauf, bergab, mal auf schlipfrigen Wegen, mal über eine schöne neue Brücke...
23.12.04 13:41
 



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